Zivildienst im Philippusstift Krankenhaus

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Nach der Schule musste ich mich zwischen Wehr- und Zivildienst entscheiden. Nach einem Besuch des Konzentrationslagers in Auschwitz sah ich, wie weit Hass und Gewalt gehen können. Mir war klar, dass für mich nur der Zivildienst in Frage kommt, weil ich gerne notleidenden Menschen helfe. Da eignete sich ein Krankenhaus besonders. Den neunmonatigen Dienst habe ich deshalb in dem katholischen Krankenhaus Philippusstift in Essen geleistet, und arbeitete dort für die Radiologie, die zentrale Notaufnahme, das Labor und gelegentlich für die Psychiatrie.

Meine Tätigkeit hieß offiziell „Patientenbegleitdienst“, aber der Begriff umfasst nicht Fülle und Abwechslungsreichtum meiner Arbeit. Denn Menschen müssen nicht einfach nur von A nach B gebracht werden. Meistens sind die Patienten plötzlich krank geworden oder erleiden körperliche Verletzungen und für sie verändert sich ihr Leben kurzzeitig oder langfristig. Chronisch Kranke und alte Patienten verfallen durch die Hilflosigkeit oft in eine Depression, weil sie das Krankenhaus als Endstation empfinden, oder verstehen gar nicht, warum sie dort sind. Wieder andere haben Angst vor Krankheiten, denen sie sich dort ausgesetzt fühlen, oder sehen sich mit einer eigenen möglichen oder verdrängten Erkrankung konfrontiert. Mit ihrer Situation im Krankenhaus haben viele aus den unterschiedlichsten Gründen zu kämpfen. Deshalb impliziert das „Begleiten“ weitaus mehr.

Bei meinem Zivildienst war es wichtig, sensibel und verantwortungsvoll mit Menschen umzugehen. Das Gespräch beim Weg zur Untersuchung war mir, wenn es den Patienten möglich war, immer sehr wichtig. Es sollte zeigen, dass sie in guten Händen sind, und so die Angst vor dem Ungewissen lindern. Aber gerade in der Radiologie hat man es mit vielen Krebspatienten zu tun. Bei den Röntgen-, CT- oder MRT-Untersuchungen habe ich täglich Aufnahmen von Karzinomen und Metastasen gesehen. Aber Krankheiten betreffen nicht immer nur Fremde; ich sah auch Personen aus meinem Umfeld: Eines Tages ist ein ehemaliger Lehrer von mir eingeliefert worden und erhielt die Diagnose Lungenkrebs, woran er sehr kurze Zeit später starb. Der Tod war allgegenwärtig. Besonders hart waren zwei Fälle: Im Winter wurde ein Paar, Mitte 80, stationär aufgenommen. Sie wirkten trotz ihrer Alterskrankheiten fröhlich, weil sie zu zweit waren. Kurz vor Heiligabend ist aber seine Frau gestorben und ich sollte ihn Stunden später wegen Atembeschwerden zum Röntgen bringen. Er war aufgelöst, hat bitter um seine Frau geweint und ist einen Tag später traurig gestorben. Eine andere Frau, Anfang 40, kam wegen eines Unterarmbruchs in die Notaufnahme. Durch unglückliche Stürze auf ihrem Stationszimmer erlitt sie zwei Oberarmbrüche, was viele Operationen nach sich zog. Ihr Zustand verschlimmerte sich rapide und sie verstarb an einer Infektion, vermutlich verursacht durch MRSA (methicillin-resistant Staphylococcus aureus).

Nach solchen Erfahrungen begreift man die Hilfe, welche die Medizin leisten kann und was man selbst als Mensch unternehmen kann, aber auch wie das Leben manchmal spielt. Nicht nur von menschlicher Seite benötigen Menschen Unterstützung, die sicher extrem hilfreich ist; zu den größten Durchbrüchen zur Heilung vieler Krankheiten haben aber die Errungenschaften der Naturwissenschaften beigetragen. Die Mikrobiologie, Biochemie, Physik, Biologie, Gentechnik, Chemie, Mathematik genauso wie Psychologie und viele weitere Zweige haben beigesteuert, Analysemethoden und -geräte, Medikamente, Therapien und Behandlungen zu entwickeln. Das wurde mir eindringlich klar, als ich den MRT mit seinen durch Helium gekühlten Magneten sah, der die Spins von Wasserstoffatomen detektiert, und ihn immer mehr begriff. Oder das EEG, das elektrische Impulse im Kopf über Magnetfelder wahrnimmt, sowie die diversen Labortests zur Identifizierung biochemischer Substanzen in Proben. Ich könnte noch zahlreiche medizintechnische Verfahren und Geräte aufzählen, die mich fasziniert haben, aber das würde zu weit führen.

Der Zivildienst war eine anstrengende und lehrreiche Zeit, die ich nicht missen will. Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrungen habe ich das Bioingenieurwesen einem anderen Ingenieurstudiengang vorgezogen. Denn in diesem Studiengang lernt man die verschiedenen Disziplinen der Lebenswissenschaften und Ingenieurwissenschaften in Kombination anzuwenden.